Die Mannschaft bereitet sich auf ein System vor: die 6:0 des Gegners, seine Auslösungen, sein Tempospiel. Der Torwart bereitet sich auf Menschen vor. Fünf bis acht Schützen entscheiden am Samstag, ob er zwölf oder sechs Bälle hält – und über jeden gibt es Wissen, das in keiner Tabelle steht: Wohin wirft er, wenn es eng wird? Springt er ab oder wirft er aus dem Stand? Wechselt er beim Siebenmeter die Ecke?
Hier steht, wie du dieses Wissen in etwa 30 Minuten aus Video oder Spielbericht holst, in einen Schützen-Steckbrief bringst und so in die Kabine trägst, dass dein Torwart am Samstag früher losgeht.
Warum bereitet sich ein Torwart anders vor als die Mannschaft?
Ein Rückraumwurf aus neun Metern erreicht das Tor in wenigen Zehntelsekunden. Wer erst auf den Ball reagiert, ist meistens zu spät. Deshalb steht in der Rahmentrainingskonzeption des DHB zum Torwartspiel, dass der Torwart Bewegungsmuster des Werfers liest – Schulter, Wurfarm, Handgelenk – und daraus den Wurf antizipiert.
Das ist die Hälfte, die man im Training schult. Die andere kommt vor dem Spiel. Eine Studie mit erfahrenen Torhütern und Torwarttrainern (Huesmann et al., 2023) hat abgefragt, welche Hinweise sie bei Rückraumwürfen nutzen. Neben Anlaufgeschwindigkeit, Körperrotation und Wurfarm nennen sie ausdrücklich Kontextwissen: die Vertrautheit mit dem Gegner und seine bevorzugten Aktionen. Der Österreichische Handballbund sagt es aus der Praxis: Ein guter Torwart weiß, welche Wurfarten ein Spieler bevorzugt und von wo er am liebsten wirft. Genau dieses Wissen ist der Schützen-Steckbrief – nur nicht aus jahrelanger Erfahrung, sondern aus 30 Minuten Vorbereitung.
Was gehört in einen Schützen-Steckbrief?
Ein Steckbrief pro Schütze, vier bis sechs Zeilen, keine Prosa:
- Lieblingsecke. Wohin geht der Ball, wenn er trifft – und wohin, wenn er gehalten wird? Ein Raster aus neun Feldern reicht.
- Wurfart. Sprungwurf, Schlagwurf, Hüftwurf, Dreher, Heber – die Bewegung, die der Torwart sehen wird, bevor der Ball fliegt.
- Anlauf und Laufweg. Kommt der Halblinke gerade aufs Tor oder zieht er nach innen? Der Laufweg bestimmt den Wurfwinkel.
- Wurfort. Die Zone, aus der die meisten seiner Würfe kommen.
- 7m-Ecke. Der Schütze steht bis zu einem Meter vor der Markierung, der Torwart darf bis zur Vier-Meter-Linie heraus. Ob ein Schütze die Ecke wechselt oder seit drei Spielen dieselbe wirft, ist die wertvollste Zeile des Steckbriefs.
- Hinweis. Ein Satz zum Merken: „Wenn er nach innen zieht, kommt der Hüftwurf unten links."
Nicht hinein gehören Tore pro Spiel und Wurfquote – Trainerwissen, das dem Torwart in der Sekunde vor dem Wurf nicht hilft.
Wie erfasst du das in 30 Minuten aus Video oder Spielbericht?
Mit Video. Das Spiel des Gegners gegen einen Dritten, vom Verein gefilmt oder auf YouTube. Du schaust nur die Abschlüsse – bei doppelter Geschwindigkeit sind 40 bis 50 Würfe etwa 25 Minuten. Pro Wurf notierst du vier Dinge: Nummer, Wurfort oder Laufweg, Ergebnis (Tor, gehalten, vorbei, geblockt), Wurfart plus Torecke; Siebenmeter nur Schütze, Ergebnis und Ecke. Danach fünf Minuten für die Steckbriefe: pro Schütze die häufigste Ecke, die häufigste Wurfart, der eine Hinweis.
Nur mit Spielbericht. Der Spielbericht von handball.net oder Handball4All liefert die Torfolge mit Nummern und Siebenmetern, aber weder Wurfort noch Ecke. Daraus ziehst du, wer überhaupt wirft und wer die Siebenmeter nimmt – die Vorstufe, mit der du im Video nur die fünf bis acht relevanten Nummern anschaust. So bleibt die halbe Stunde eine halbe Stunde.

Wann ist eine Stichprobe belastbar – und wie sieht der Steckbrief aus?
An dieser Frage scheitern die meisten Steckbriefe. Drei Würfe, zwei davon oben links, und im Steckbrief steht „Lieblingsecke oben links". Am Samstag wirft er dreimal unten rechts, und der Torwart glaubt dem Steckbrief nie wieder. Als Faustregel:
- Für eine Aussage wie „Lieblingsecke" oder „bevorzugte Wurfart" brauchst du mindestens vier Würfe, von denen mindestens 60 Prozent in dieselbe Richtung gehen. Bei Siebenmetern reichen drei, weil der Wurf standardisiert ist.
- Unter fünf Würfen ist der Steckbrief „zu wenig": Du notierst, was du gesehen hast, formulierst aber keine Regel daraus.
- Fünf bis 19 Würfe sind eine erste Tendenz. Der Torwart darf sie im Kopf haben, aber nicht darauf vertrauen.
- Ab 20 Würfen – meist zwei bis drei beobachtete Spiele – sprichst du von einer Tendenz, auf die sich ein Antizipationsplan stützen kann.
Ein Spiel liefert für einen Rückraumspieler meist sechs bis zwölf Würfe – für seine Lieblingsecke brauchst du also zwei Spiele, für die 7m-Ecke reicht oft eines. So kann die Tabelle aussehen, die dein Torwart am Freitag bekommt (Zahlen erfunden, Format echt):
| Schütze | Würfe | Lieblingsecke | Wurfart | Hinweis |
|---|---|---|---|---|
| Nr. 9, Rückraum links | 23 | Unten rechts (14 von 23) | Sprungwurf, langer Anlauf | Zieht nach innen; unten rechts erst nach dem dritten Schritt |
| Nr. 4, Rückraum Mitte | 17 | Oben links (9 von 17) | Schlagwurf aus dem Stand | Wirft früh über den Block – hoch bleiben |
| Nr. 7, Linksaußen | 11 | Unten lang (7 von 11) | Sprungwurf | Erste Tendenz: bei engem Winkel der Dreher |
| Nr. 14, Kreis | 8 | Halbhoch Mitte (4 von 8) | Fallwurf | Erste Tendenz: wenig Zug, meist Richtung Torwart |
| Nr. 9, Siebenmeter | 5 | Unten links (4 von 5) | Aus dem Stand | 7m-Ecke seit zwei Spielen dieselbe |
Fünf Zeilen, ein Blatt. Nr. 9 und Nr. 4 sind belastbar, Nr. 7 und Nr. 14 stehen bewusst als erste Tendenz da – der Torwart weiß, welche Zeilen er ernst nimmt.
Wie nutzt der Torwart den Steckbrief in Kabine und Spiel?
Der Steckbrief ist kein Befehl, sondern eine Vorentscheidung. Antizipation heißt nicht, blind in die Lieblingsecke zu springen – sondern bei Nr. 9 die Ausgangsstellung minimal zu verschieben und sich den halben Meter Vorsprung zu holen, während der Torwart die Bewegung des Werfers weiter liest.
- Freitag, Kabine: Tabelle mit dem Torwarttrainer durchgehen, pro Schütze ein Satz laut gesprochen. Mehr nicht.
- Warmmachen: Die Wurfarten aus dem Steckbrief als Serie – fünf Hüftwürfe unten rechts, fünf Schlagwürfe oben links.
- Erste zehn Minuten: Stimmt der Steckbrief? Trifft Nr. 9 zweimal unten links statt rechts, gilt ab sofort das Spiel, nicht das Papier.
- Siebenmeter: Hier ist der Steckbrief am stärksten. Bei vier von fünf Würfen in dieselbe Ecke darf der Torwart früh gehen.
Die Abwehr gehört dazu: Laut Huesmann et al. schränkt die Stellung des Blocks die Wurfoptionen ein und lenkt damit die Antizipation. Stellt dein Halbverteidiger bei Nr. 9 die kurze Ecke zu, bleibt dem Torwart die lange – Steckbrief und Abwehrverhalten sind ein Plan, nicht zwei.
Wo liegen die Fallen?
- Zu wenig Würfe. Der häufigste Fehler. Drei Würfe sind eine Anekdote – schreib die Stichprobengröße in den Steckbrief.
- Halle und Wurfhand statt System. Ein Linkshänder auf Rechtsaußen wirft strukturell in andere Ecken als ein Rechtshänder; eine kleine Halle verändert die Anläufe. Kommt die Tendenz aus dem Spieler oder aus den Umständen der beobachteten Partie?
- Steckbrief als Vorurteil. Ein Torwart, der die Lieblingsecke im Kopf hat und dreimal in die andere geworfen bekommt, wird unsicher. Deshalb die Regel: Das Spiel schlägt den Steckbrief, immer – und lieber sechs Schützen mit je einem Satz als zwei mit je zehn.
Profi-Tipp: Notiere bei jedem Wurf, ob der Torwart des beobachteten Spiels die Ecke zugestellt hatte. Ein Schütze, der viermal unten rechts trifft, weil dort niemand stand, hat keine Lieblingsecke – er hat ein Auge für Lücken. Das verlangt eine andere Vorbereitung: nicht Ecke lernen, sondern Ausgangsstellung sauber halten.
Wie SportsFlow das abdeckt
SportsFlow hat für genau diesen Ablauf die Beobachtung: ein fremdes Spiel zweier Gegnerteams, eine beobachtete Seite, Wurf für Wurf erfasst – ohne Uhr, ohne Spielstand. Vier Taps pro Wurf: Wer wirft? (Trikotnummer, neue Nummern landen sofort im Gegnerkader) → Wurfort tippen oder Laufweg ziehen → Tor, Kein Tor oder Geblockt → Wurfart, Flugbahn und der exakte Torpunkt. Der Knopf „7m" überspringt den Wurfort. Ein hinterlegtes YouTube-Video läuft daneben mit und pausiert, sobald du einen Schützen wählst (ab Pro).
Daraus baut SportsFlow pro Schütze den Steckbrief: Top-3-Sätze wie Lieblingsecke, 7m-Ecke und bevorzugte Wurfart (ab vier Würfen mit mindestens 60 Prozent, bei Siebenmetern ab drei), das Wurfbild in vier Ansichten (genau, Heatmap, Zonen, Linien), das Treffbild gehalten/Tor, die 7m-Ecke und ein Stichproben-Badge: „zu wenig" unter fünf Würfen, „erste Tendenz" bei fünf bis 19, „Tendenz" ab 20. Die Form zeigt, was aus dem Wurf wurde – voll ist Tor, Umriss gehalten, blass vorbei oder geblockt; die Farbe bleibt Orange, weil es der Gegner ist. Der Linienstil verrät die Wurfart.

Steckbriefe landen automatisch in der Vorbereitung zum nächsten Spiel gegen diesen Gegner – der Torwart sieht sie dort als Erstes, Feldspieler erst nach ihren eigenen Szenen. Ohne Video holt der Spielbericht-Import fertige Spiele des Gegners als Beobachtungen herein: Tore, Siebenmeter und Aufstellung, aber ohne Wurfort – der Steckbrief zeigt dann „Wurfbild fehlt", bis du ein Spiel selbst beobachtest.
Beobachtung, Gegnerkader und Steckbriefe gibt es ab Team (25 € pro Monat oder 249 € pro Saison, pro Mannschaft), die Vorbereitung mit Video ab Pro (45 € pro Monat oder 449 € pro Saison). Alle Tarife unter Preise, die vier Schritte mit Demo auf der Seite Beobachtung & Laufweg-Analyse, der Ablauf in der Doku zur Beobachtung.
Meine Meinung: Der Torwart ist der am schlechtesten vorbereitete Spieler auf dem Feld
Ich baue SportsFlow allein, und die Beobachtung gab es lange nicht. Die Idee kam von einem Torwart aus der 3. Liga, der sich jede Woche mit zwei bis sechs Gegner-Videos vorbereitet – mit Stift, Block und Pausentaste. Sein Punkt: Die Mannschaft bekommt eine Analyse des gegnerischen Systems, er bekommt nichts, was ihm bei einem einzelnen Schützen hilft. Also macht er es selbst, jede Woche, zwei Stunden.
Im Amateurhandball ist das überall so: Der Torwart ist die Position mit dem größten Hebel und der schlechtesten Vorbereitung. Ein einziger Satz – „Nr. 9 wirft unten rechts, wenn er nach innen zieht" – kann zwei Paraden bedeuten, und zwei Paraden sind in der Landesliga der Unterschied zwischen Punkt und keinem Punkt.
Meine These: Hast du als Trainer nur 30 Minuten Vorbereitung pro Woche, gib sie dem Torwart – nicht der Abwehrformation, sondern dem Steckbrief der fünf Schützen, die am Samstag werfen. Und schreib die Stichprobengröße daneben, damit dein Torwart weiß, wann er dir glauben darf.
— Jonas
Quellen
- Huesmann, Schorer, Büsch, Witt, Loffing (2023): Expert goalkeepers' and coaches' views on anticipation and cue utilisation facing backcourt throws in handball goalkeeping – Frontiers in Sports and Active Living
- DHB Trainer Center: Rahmentrainingskonzeption – Torwartspiel im Aufbautraining
- Österreichischer Handballbund: Die Rolle des Torwarts im Handball – Alles nur Glück?
- Handballregeln – Wikipedia (deutsch): Siebenmeterwurf
- SportsFlow-Doku: Beobachtung – ein fremdes Spiel scouten
- SportsFlow-Doku: Gegner – Gegnerkader und Steckbriefe



